25.04.2012

Die Frau, die den Bogen raushat

Noch einmal Wien 15: Am Gürtel eröffnete Schnittbogen, eine Modewerkstatt für Prototypen

Bericht: Christopher Wurmdobler
Man muss sich das so vorstellen: Eine Frau betreibt mit ihrem Mann eine Hubschrauberflugschule. Dann beschließt der Mann, Zahnarzt zu werden, die beiden verkaufen Hubschrauber und Schule, stecken das Geld in einen Textilbetrieb und passt schon. Klingt wie das Drehbuch zu einem Fernsehfilm, ist aber die Geschichte von Michaela Königshofer, 36 und ab sofort Betreiberin der offenen Modewerkstatt Schnittbogen. Die Schneidermeisterin und Macherin eines Modelabels (das gehört jetzt aber nicht hierher) hat ein Projekt verwirklicht, das aufgehen könnte. Jedenfalls hat ihr Konzept jene Komission überzeugt, die bei den Wiener Linien dafür zuständig ist, Gürtelbögen zu vermieten. Deren Entscheidungen sind nicht immer nachvollziehbar, aber die hier geht okay.

190 Quadratmeter hat Königshofer nun in zwei sehr hohen Gürtelbögen gleich bei der Sechshauser Straße an der Schnittstelle zwischen dem angesagten Mariahilf und dem noch angesagteren Rudolfsheim-Fünfhaus (siehe Seite 41). Wo vorher das Lager eines Friseurbedarfhändlers war, wurde umgebaut, rausgerissen, eingebaut, Parkett verlegt, und nun ist alles schön und sauber und klar für das, was die Unternehmerin geplant hat: eine Modewerkstatt, in der Wiener Modemacherinnen und -macher Prototypen und kleine Kollektionen herstellen lassen können. Oder selbst herstellen.

Man kann nämlich weiterhin das Wiener Modewunder herbeibeten, das eigentlich keines ist, wenn nur das Design hierzustadt erdacht, aber weiterhin in Billiglohnländern genäht wird. Oder man kann sich im Schnittbogen einmieten, hier arbeiten oder arbeiten lassen. Eine Menge Arbeitsplätze, Industriestrick- und Nähmaschinen gibt es entweder stundenweise oder man wird gleich Dauermieter, sogenannter CoWorker und profitiert von dem kreativen Umfeld, das hier herrscht und vom Know-how der Meisterin, die einem über die Schulter schauen kann. Die Arbeitsbereiche sollen aber nicht nur den Profis zur Verfügung stehen, auch Hobbydesigner können sich hier Dienstleistungen und Maschinen temporär kaufen.

Für die Laien soll es Kurse geben, den Profis stehen die schönen, erstaunlich hellen Räume auch für Präsentationen zur Verfügung. Praktisch, dass sich die Innenarchitekten dafür auch ein variables Laufstegsystem ausgedacht haben. Für das modische Infrastrukturprojekt Schnittbogen gab es übrigens Wirtschaftsforderung von Departure und AWS. Und auch die Wiener Linien unterstützten die Sanierung des wohl arg heruntergekommenen Objekts. Laufkundschaft wird der Schnittbogen weniger haben, aber schließlich handelt es sich hier um kein Gürtellokal, sondern eine Produktionsstätte. Jetzt fehlen nur noch die Geschäftspartner, die sich die taffe Frau Königshofer verdient hätte. Die weiß genau, was sie will: "Leute, die eine Idee haben und denen ich dabei helfen kann, sie zu verwirklichen." Prima.